Contingency Awareness

Contingency Awareness

Projektbeschreibung

 

Konditionierungsprozesse gelten als ein wichtiges Modell für die Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Störungen. Bei der differentiellen Konditionierung wird ein neutraler Stimulus (CS+) mit einem salienten Reiz (UCS) wiederholt gepaart, während ein zweiter neutraler Stimulus (CS-) das Ausbleiben des UCS ankündigt. Nach wenigen Durchgängen zeigen sich konditionierte Reaktionen auf den CS+ im Vergleich zum CS- (z.B. in erhöhter elektrodermaler Aktivität). Während die Furchtkonditionierung relativ gut untersucht ist, gibt es vergleichsweise wenige Studien zur appetitiven Konditionierung. Im Kontext von Konditionierungsprozessen wird Kontingenzbewusstheit (d.h. die explizite Kenntnis der Reizrelation zwischen CS und UCS) kontrovers diskutiert. Aktuelle Modelle (Zwei-Prozess-Modelle) gehen von einer Dissoziation der Furchtsysteme aus: Es wird vermutet, dass Kontingenzbewusstheit bei bestimmten konditionierten Reaktionen wie z.B. Amygalaaktivität oder Startle-Amplitude nicht notwendig zu sein scheint, während für andere konditionierte Reaktionen (z.B. subjektive Bewertungen) Kontingenzbewusstheit eine Voraussetzung darstellt. Diese Befunde werden sowohl für die Grundlagenforschung im Kontext von automatischen, nicht-bewussten Lernprozessen und -modellen, als auch im klinischen Kontext diskutiert. Da appetitive Konditionierungsprozesse als wichtige Mechanismen z.B. für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Süchten angesehen werden, ist die Frage nach der Modulation konditionierter Reaktionen und dem Einfluss von Kontingenzbewusstheit auch von klinischer Relevanz. Der Einfluss von Kontingenzbewusstheit ist jedoch bei appetitiven Konditionierungsprozessen nicht erforscht. Ziel dieses DFG-Projekts ist es, den Einfluss von Kontingenzbewusstheit auf konditionierte Reaktionen während eines differentiellen appetitiven Konditionierungsparadigmas zu untersuchen. Dazu sollen die konditionierten Reaktionen von drei Gruppen verglichen werden: Während eines differentiellen appetitiven Konditionierungsparadigmas werden Probanden nach der Konditionierung mit Hilfe von etablierten Fragebögen in entweder (1) nicht-Kontingenzbewusst oder (2) Kontingenzbewusst eingeteilt, je nachdem ob die Probanden Kontingenzbewusstheit während des Experiments erlangt haben. Zusätzlich wird einer dritten Gruppe ((3) instruiert-Kontingenzbewusst) die CS/UCS Reizrelationen vor dem Experiment explizit erklärt. Diese Gruppe kennt die Reizrelationen, muss sie aber im Unterschied zur zweiten Gruppe (Kontingenzbewusst) nicht erlernen. Mit dem beantragten Projekt soll die Lücke geschlossen werden, die zwischen der Forschung über den Einfluss von Kontingenzbewusstheit auf Lernprozesse auf der einen Seite und der appetitiven Konditionierung auf der anderen Seite herrscht.

 

Projektergebnisse

 

Im vorliegenden Projekt konnte gezeigt werden, dass sowohl der serotonerge 5-HTTLPR als auch der dopaminerge COMT Val158Met-Polymorphismus einen Einfluss auf Furchtkonditionierungs- und Extinktionsprozesse besitzen. Personen mit der s-Variante des 5-HTTLPR zeigten während der Konditionierung eine erhöhte neuronale Aktivität in der Amygdala sowie eine veränderte funktionelle und strukturelle Konnektivität. Diese Ergebnisse liefern eine neurobiologische Erklärung für den Befund, dass das s-Allele oftmals mit einer erhöhten Vulnerabilität für psychische Störungen in Verbindung gebracht wird, da eine erleichterte Konditionierbarkeit für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen eine zentrale Rolle spielt. Weiterhin zeigen die Ergebnisse, dass der dopaminerge COMT Val158Met-Polymorphismus mit veränderten Extinktionsprozessen verbunden ist. Met/Met-Personen zeigten Defizite im Extinktionslernen und erhöhte Furchtreaktionen, die sogar sechs Monate später noch messbar waren. Zusätzlich konnte die Amygdala als zentrale Hirnstruktur für das Extinktionslernen und den Extinktionsabruf identifiziert werden. Hier zeigte sich, dass die Amygdalaaktivität während des Extinktionslernens signifikant Furchtreaktionen sechs Monate später vorhersagte. Die Ergebnisse erweitern klinische Studien, die zeigen, dass Met/Met-Personen schlechter von Expositionstherapie profitieren, da Extinktionslernen und der Extinktionsabruf zentrale Wirkfaktoren während des Expositionslernens darstellen. Überraschenderweise konnte kein Einfluss der Rekonsolidierungsmanipulation auf Extinktionsreaktionen gefunden werden. Es war vermutet worden, dass durch die veränderte Rekonsolidierung gelernte Furchtverbindungen dauerhaft blockiert werden und somit der rekonsolidierte Gefahrenreiz (CS+rem), sich von dem nicht-rekonsolidierten Gefahrenreiz (CS+non-rem) signifikant unterscheidet. Dies war jedoch nicht der Fall. Neuere Studien und Überblicksarbeiten bestätigen jedoch das gefundene Ergebnis, indem vermutet wird, dass Rekonsolidierung nur sehrt schwache Effekte besitzt. Dies spiegelt sich auch in klinischen Ergebnisse wieder, die zeigen, dass trotz erfolgreicher Therapie (= erfolgreiches Extinktionslernen) immer wieder Rückfälle entstehen können; durch Reaktivierung alter Furchtassoziationen. Zusätzlich konnte gezeigt werden, dass der habituelle Umgang mit Furchtbewertungen (Vermeidung vs. Fokussierung) im Zusammenhang mit Furchtkonditionierungs- und Regulationsprozessen steht. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass der 5-HTTLPR und der COMT Val158Met-Polymorphismus einen Zusammenhang mit Furchtkonditionierungs- und Extinktionsprozessen besitzen. Richtungsweisend für weitere Arbeiten und das Verständnis von Rückfällen in der klinischen Psychologie sind Veränderungen des Extinktionslernens und des Extinktionsabrufs im Zusammenhang mit dem COMT Val158Met-Polymorphismus, sowie die gefundene Bedeutung der Amygdala für beide Prozesse. Die dargestellten Ergebnisse und Arbeiten werden dabei helfen, neurobiologische Erklärungen für die Entstehung, Aufrechterhaltung und Behandlung psychischer Störungen zu entwickeln und weiter auszubauen.

 

 

 

Veröffentlichungen

 

Artikel

Tapia León I., Kruse, O., Stalder, T., Stark, R., & Klucken, T. (in press). Neural correlates of subjective CS/UCS associations in appetitive conditioning. Human Brain Mapping, DOI: 10.1002/hbm.23940. 5-Year Impact Factor (IF): 5.1.

Kontakt

Haben Sie Fragen zum Projekt?
Kontaktieren Sie uns!

Prof. Dr. Tim Klucken
E-Mail: tim.klucken@psychologie.uni-siegen.de
Telefon: +49(0)271 740-4106

Projektleiter

Prof. Dr. Tim Klucken
E-Mail: tim.klucken@psychologie.uni-siegen.de
Telefon: +49(0)271 740-4106

Lehrstühle

Es wurden keine Ergebnisse gefunden, die deinen Suchkriterien entsprechen.

Menü