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„Es geht nur miteinander“: Podiumsdiskussion zur Rolle der Uni Siegen in der Region

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Bild: F. Walsdorff
René Röspel, Prof. Dr. Michael Roos, Prof. Dr. Volker Wulf, Prof. Dr. Rainer Brück, Klaus Gräbener, Dr. Martin Stein (v.l.n.r.)

In der Podiumsdiskussion „Die Uni Siegen und die Region“ diskutierten Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik darüber, wie das Verhältnis zwischen Region und Universität in Zukunft ausgestaltet werden sollte, damit alle Beteiligten profitieren können.

Für die Universität Siegen spielt neben Forschung und Lehre auch der Transfer von Wissen in die Wirtschaft eine große Rolle. Viele Siegener Forschungsprojekte beschäftigen sich deshalb mit Fragen zur Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung der heimischen Wirtschaft, die in Zeiten der Corona-Pandemie aktueller denn je erscheinen.

Der Wissensaustausch zwischen dem akademischen Sektor und Praxisgemeinschaften auf regionaler Ebene kann für beide Seiten sehr gewinnbringend sein, geht allerdings auch mit Herausforderungen einher. Nicht immer ist schließlich klar, wie die Ko-Konstruktion von Wissen sinnvoll organisiert werden und gelingen kann. Um dies genauer zu beleuchten, richtete das Prorektorat für Digitales und Regionales der Universität Siegen am 18. Mai in Zusammenarbeit mit dem Forschungskolleg (FoKoS) eine Podiumsdiskussion aus, in deren Rahmen erörtert wurde, welche Rolle die Universität im regionalen Entwicklungsprozess einnehmen soll.

Aufgrund der aktuellen Situation wurde die Veranstaltung digital per Livestream durchgeführt. Das Publikum nutzte dabei die Möglichkeit, Fragen im Chat zu stellen. Organisiert und moderiert wurde die Veranstaltung vom Prorektor für Digitales und Regionales der Universität Siegen, Prof. Dr. Volker Wulf.

Die Rolle der Universität Siegen in der Region

Die Region Südwestfalen ist in der Praxis stark aufgestellt, blickt allerdings auf keine lange Wissenschaftstradition zurück, denn die Universität Siegen wurde erst 1972 gegründet. Heute ist die Universität in der Region zwar fest verankert, allerdings bleibt der Transfer von Wissen eine Herausforderung – etwa im Bereich der Digitalisierungsforschung, die in Siegen stark vorangetrieben wird, für die traditionellen Industrien der Region aber nicht immer ohne Weiteres nachvollziehbar ist. Ein traditionell strukturiertes, industrielles Umfeld trifft hier auf den vermeintlichen Elfenbeinturm Universität. Um das Verhältnis zwischen Region und Universität sinnvoll zu gestalten und eine konstruktive Kommunikation zu ermöglichen, braucht es entsprechende Konzepte.

Die Universität kann der Region viel Wissen und innovative Ansätze liefern. Diese bringen gesellschaftlich jedoch wenig, wenn sie sich nicht in die Praxis überführen lassen. Ein besonderes Anliegen des Forschungskollegs der Universität Siegen ist es deshalb, an der Schnittstelle zwischen Hochschule und regionaler Zivilgesellschaft Brücken zu schlagen. Realisiert wird dies durch Veranstaltungen wie der Podiumsdiskussion am 18. Mai, bei denen zu einem Dialog zwischen Forschung und Wirtschaft eingeladen wird. Auch in den Forschungsprojekten des Kollegs wird auf den Einbezug der Praxis geachtet, damit letztendlich Ergebnisse entstehen, die der Gesellschaft tatsächlich einen Mehrwert bringen.

Prof. Dr. Volker Wulf

René Röspel

Prof. Dr. Rainer Brück

Den Schritt aus dem Elfenbeinturm wagen

Dass es sich bei der Universität Siegen um eine vergleichsweise junge Hochschule handelt, kann selbstbewusst als Vorteil erfasst werden. Der Bundestagsabgeordnete René Röspel (SPD), Obmann in der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz“ und Ausschussmitglied für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, gab im Rahmen der Podiumsdiskussion zu bedenken, dass es den jungen Universitäten womöglich leichter fällt, sich für die Zukunft zu organisieren. „Die Uni Siegen beruft sich ausdrücklich darauf, stärker in Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur hineinzuwirken und diese umgekehrt eben auch aufzunehmen. Und genau das ist Aufgabe einer Hochschule und trägt dazu bei, dass die jeweiligen Sprachen besser verstanden werden.“ Dabei hat die Universität Siegen zwar keine lange Wissenschaftstradition, ist dafür aber eine Universität, die einen klaren Auftrag in der Region und für die Region hat, wie auch das Forschungskolleg der Universität Siegen, das diese Veranstaltung gehostet hat.

Prof. Dr. Rainer Brück, Stellvertretender Direktor des FoKoS und Studiendekan der neu gegründeten Lebenswissenschaftlichen Fakultät der Universität Siegen, befürwortete den Ansatz, die eigene Rolle zu reflektieren und sich zunutze zu machen: „Wir haben keine Jahrhunderte alten Traditionen – und das gibt uns eine gewisse Flexibilität und entbindet uns des Elfenbeinturms.“ Hierdurch habe die Universität die Chance, als Moderator zu wirken, der tatsächlich den Spagat zwischen den Grundlagen der Forschung zum puren Erkenntnisgewinn und der Umsetzung von Forschungsergebnissen in die Praxis schaffen könne.

Klaus Gräbener

Prof. Dr. Michael Roos

Dr. Martin Stein

Es geht nur miteinander – und nicht gegeneinander

„Es ist besser, miteinander zu handeln, als übereinander zu reden“, stellte Klaus Gräbener, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Siegen, mit Blick auf die Universität und die Region fest. „Dass die Uni in der Stadt ist, hat Siegen gutgetan, denn eine Wirtschaft lässt sich nicht ohne Wissenschaft entwickeln.“ Er machte sich für Grenzgänger stark, die das Know-how der einen Seite in die andere Seite tragen. „Wir brauchen eine Kultur des Zusammenwachsens, denn wir steuern auf eine wirtschaftliche Situation zu, in der wir erheblich an Arbeitsplätzen einbüßen werden. Firmen bauen Beschäftigungen ab – auch in Siegen-Wittgenstein wird die Arbeitslosenquote steigen. Dem wird man am ehesten begegnen können, wenn das Verhältnis von Uni und Bevölkerung optimiert wird.“

Dr. Martin Stein, Leiter des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Siegen, machte deutlich, dass für die Entwicklung der Region alle beteiligten Akteure gefragt sind. In Siegen und Umgebung fließt Wissen aus der Universität in die Industrie hinein – zugleich wird die Universität von der Industrie aber auch auf Zukunftsthemen aufmerksam gemacht und profitiert von ihrem Praxiswissen. „Die Hochschule sollte dabei darauf achten, den Betrieben auf Augenhöhe zu begegnen. Es muss ein Dialog stattfinden.“ Dies beobachtet der promovierte Informatiker auch in seinen eigenen Forschungsprojekten: „Wenn wir erfahren, wie die Menschen in den Unternehmen unsere Impulse für sich nutzbar machen, hilft uns das sehr.“

Für Prof. Dr. Michael Roos ist der gegenseitige Respekt ein zentraler Erfolgsfaktor für die Kommunikation zwischen Universität und Region: „Es ist wichtig, mit den Leuten vor Ort zu sprechen und sich beispielsweise von Facharbeitern auch mal etwas sagen zu lassen.“ An der Ruhr-Universität Bochum, an der Roos Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaft ist, werden deshalb gemeinsame Räume geschaffen, etwa in Fortbildungsmaßnahmen für Gewerkschafter oder einer gemeinsamen Bildungsstelle in Kooperation mit der IG Metall.

Die Region profitiert von der Universität, da diese sie an nationale und internationale Netzwerke anschließt, zu denen sie sonst vielleicht keinen Zugang hätte. „Die Universität strahlt immer aus und holt Wissen von außen in die Region ein“, so Roos. Dies betonte auch René Röspel: „Es ist wichtig, Universitäten und Fachhochschulen in den Regionen zu haben. An Unis werden hochqualifizierte, verlässliche Fachkräfte ausgebildet, die für die Wirtschaft elementar sind.“

Gemeinsam die Zukunft gestalten

„Damit Universität und Region sich weiter annähern und gemeinsam Innovationen entwickeln können, werden Räume benötigt, in denen Akademiker, Praktiker und Experten aus den Unternehmen zusammenkommen“, hielt Martin Stein fest. Institutionen wie das FoKoS, das mit seinen Veranstaltungen die breite Bevölkerung anspricht, oder die offene Kreativwerkstatt Fab Lab sind Beispiele für eine Öffnung seitens der Universität. Hier kann ein Austausch stattfinden, von dem alle profitieren und in dessen Rahmen stärker auf die Anforderungen und Spezifika von Industrie und Region eingegangen wird. Dieser Austausch ist wichtig, damit die Innovationen von den Universitäten gewinnbringend eingesetzt werden können.

Am Ende der Veranstaltung waren die Teilnehmer aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sich einig darüber, dass in Zukunft weiter konstruktiv und diskursiv an der Ko-Konstruktion von Wissen gearbeitet werden soll. Angebote wie die Podiumsdiskussion stellen dabei einen wichtigen Schritt auf dem gemeinsamen Weg zur Zukunftsgestaltung dar.

AutorIn: F. Walsdorff
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