Virtuelle Konferenz am FoKoS zeigt: Uni Siegen beherrscht Digitalisierung nicht nur in der Theorie

Virtuelle Konferenz am FoKoS zeigt: Uni Siegen beherrscht Digitalisierung nicht nur in der Theorie

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Die Nachwuchstagung zur Digitalisierungsforschung fand im virtuellen Konferenzraum des FoKoS statt.
Bild: J. Pees

Am 21. April richtete das FoKoS eine virtuelle Nachwuchskonferenz zur Digitalisierungsforschung aus. Diese beschäftigte sich nicht nur inhaltlich mit dem Thema Digitalisierung, sondern konnte zugleich aufzeigen, wie sich Offline-Formate gewinnbringend in eine virtuelle Umgebung übertragen lassen.

Die Universität Siegen startet aktuell in ein ungewöhnliches Sommersemester: Sämtliche Institutionen befinden sich im Minimalbetrieb, gearbeitet wird im Homeoffice und die Lehre soll zunächst digital stattfinden.

Auch die Forschung sieht sich angesichts der aktuellen Situation mit Veränderungen konfrontiert. Die Coronavirus-Pandemie verändert unsere Arbeitswelt und sorgt für einen Digitalisierungsschub, mit dem sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler arrangieren müssen. An Face-to-Face-Meetings, gemeinsame Kolloquien oder die Zusammenarbeit im Labor ist aktuell nicht zu denken. Und als die ersten Veranstaltungsverbote die Runde machten, setzte eine Absagewelle ein, in deren Rahmen die meisten Konferenzen verschoben oder gecancelt wurden. Für wissenschaftliches Arbeiten und den Austausch unter Forschenden sind diese Tagungen jedoch besonders wichtig.

Tagung im virtuellen Raum: FoKoS erprobt neues Konzept

Am Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) werden regelmäßig wissenschaftliche Veranstaltungen abgehalten. Dazu zählt auch die Nachwuchstagung zur Digitalisierungsforschung „Get together – Think together“, die Promovierenden aller Fächer die Möglichkeit zum Vorstellen ihrer Projekte und zum gemeinsamen Kennenlernen geben sollte. Ursprünglich angedacht war eine Versammlung in den Räumlichkeiten des Forschungskollegs, die aufgrund der Corona-Maßnahmen allerdings nicht mehr in dieser Form stattfinden konnte. Eine Absage kam für die Organisatoren jedoch nicht infrage. Vielmehr wollte man die Situation, so ernst sie auch ist, als Reallabor für die Arbeitsformen der Zukunft nutzen. Die Nachwuchstagung „Get together – Think together“ wurde deshalb in den virtuellen Raum verschoben und fand am 21. April im Online-Tagungsraum des FoKoS statt.

Viele Perspektiven auf Digitalisierung

Die Tagung beschäftigte sich nicht nur inhaltlich mit dem Thema Digitalisierung, sondern sollte zugleich aufzeigen, wie es gelingen kann, das klassische Format der Konferenz in den virtuellen Raum zu übertragen. Dies stieß auch beim Publikum auf Interesse. Fast 60 Teilnehmer*innen hatten sich für die Veranstaltung angemeldet. In mehreren Vorträgen wurde das Thema Digitalisierung aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Ob eine Smarte Demonstrationsfabrik, Medizindrohne oder Theorien der Digitalisierung: In zahlreichen Forschungsprojekten und -vorhaben wird an der Universität Siegen zu einer großen Bandbreite an Themen der Digitalisierung mit verschiedensten Bezügen gemeinsam gearbeitet.  Univ.-Prof. Dr. Volker Wulf blickte in seiner Begrüßungsansprache auf die Geschichte der Universität Siegen zurück und stellte fest, dass Digitalisierung hier schon immer ein zentrales Thema war. „Will Digitalisierungsforschung gesellschaftlich wirksam sein, dann muss sie interdisziplinär sein. Und da ist die Uni Siegen gut aufgestellt“, erklärte der Prorektor für Digitales und Regionales und wies auf Institutionen wie das Graduiertenkolleg Locating Media, den SFB Medien der Kooperation und das House of Young Talents hin, welche die Nachwuchstagung unterstützt haben. Die Flexibilität der Organisatoren wertete Wulf als positives Zeichen: „Es ist toll, dass diese Veranstaltung trotz Corona durchgeführt wird. Wir beherrschen Digitalisierung nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis, was solche Videoformate zeigen.“

Initiiert und moderiert wurde die Nachwuchstagung zur Digitalisierungsforschung von Dr. Jörg Radtke und Dr. Michael Klesel. Radtke hatte im Jahr 2018 für den von ihm mitherausgegebenen Sammelband „Energiewende. Politikwissenschaftliche Perspektiven“ den FoKoS-Zukunftspreis erhalten. Das Preisgeld investierte der Politikwissenschaftler nun in die Nachwuchstagung an der Universität. In seinem Vortrag beschäftigte er sich mit der Digitalisierung als Gegenstand und Herausforderung inter- und transdisziplinärer Forschung, beleuchtete den Status quo und nannte Perspektiven für eine gelungene Zusammenarbeit. Radtke sprach sich dabei für einen stärkeren Fokus auf die interdisziplinäre Forschung aus und ermutigte die anwesenden Nachwuchswissenschaftler*innen dazu, in sogenannten Metapapern den Blick über den Tellerrand des eigenen Forschungsumfelds zu wagen und Ergebnisse aus der Digitalisierungsforschung unterschiedlicher Disziplinen gemeinsam darzustellen.

„An vielen Stellen begegnet man einer Steuerung ohne Plan“

Prof. Dr. Christoph Bieber vom Center for Advanced Internet Studies (Bochum) und der NRW School of Governance (Universität Duisburg-Essen) hielt den Vortrag „Agile Wissenschaft: Zukunftsversprechen oder Buzzword-Bingo?“, in dem er den Organisationsansatz Agiles Arbeiten auf den akademischen Sektor übertrug. Am Bochumer CAIS leitet Christoph Bieber einen Forschungsinkubator, in dem unter anderem erforscht wird, wie dem System Wissenschaft und den damit verknüpften Arbeits-, Lern- und Lehrprozessen gewinnbringend mehr Agilität verliehen werden kann. „Wir erleben Corona aktuell als Digitalisierungstreiber in vielen gesellschaftlichen Bereichen“, stellte der Politikwissenschaftler in seinem Vortrag fest. „Auch diese Tagung ist ein Resultat agilen Handelns. Denn eigentlich dachte ich, ich würde diesen Vortrag in einer Präsenzkonstellation halten.“

Bieber wies außerdem darauf hin, dass Digitalisierung und Digitalisierungsforschung aus der Krise heraus noch stärker als zentrale Themen begriffen werden können, mit denen die Wissenschaft sich beschäftigt und beschäftigen muss. Neben den Chancen, welche die aktuelle Situation mit sich bringt, machte er aber auch die Herausforderungen des Digitalisierungsschubs deutlich: „An vielen Stellen begegnet man gerade einer Steuerung ohne Plan. Wenn der erste Schreck überwunden ist, merkt man jedoch schnell, dass es durchaus funktionieren kann. Trotzdem bietet der direkte Austausch vor Ort andere Arbeitstechniken.“ Am CAIS erprobt Christoph Bieber mit seinem Forschungsteam aktuell, wie diese Formate sich in den virtuellen Raum übertragen lassen.

Promovierende stellen ihre Forschungsthemen vor

Im Mittelpunkt der Konferenz standen die Kurzvorträge der Promovierenden. Für diese Poster Sessions war vorgesehen, dass die Teilnehmer*innen sich in Kleingruppen gegenseitig ihre Forschungsthemen vorstellten. In der virtuellen Konferenz wurde dies umgesetzt, indem separate Videochat-Räume angelegt wurden. Hier diskutierten die Anwesenden über Digitale Medizin, Virtual Reality, die nutzerseitige Adaption neuer Technologien und Perspektiven der Digitalisierungsforschung. Die Vorträge der Nachwuchswissenschaftler*innen zeigten ein großes Kaleidoskop unterschiedlicher Themen, die im demnächst erscheinenden Tagungsband „New Perspectives on Digitalization: Local Issues and Global Impact“ ausführlich dargestellt werden.

Einige der Beiträge wurden prämiert. Den mit 100 Euro dotierten Best Paper Award erhielt Riko Kelter für „New perspectives on statistical data analysis: Challenges and possibilities of digitalization for hypothesis testing in quantitative research“.

Anna Zeuge gewann mit „The Sweet Escape – A Research Agenda on Escapism in Information Systems Research“ den Preis für das Most Innovative Paper. Sebastian Webers Beitrag „Exploring the Potential of Virtual Reality for Learning – A Systematic Literature Review“ wurde als Best Theoretical Approach gewählt. „A Design Journey: Towards a Virtual Reality Simulation and Training Application“ von Andreas Weigel wurde als Most Practice-Oriented Paper ausgezeichnet.

Ein neuer Alltag an der Universität Siegen

In der abschließenden Podiumsdiskussion tauschten sich Dr. Gesa Frömming, Dr. Armin Grünewald, Dr. Christine Hrncal und Dr. Daniel Müller über ihren Arbeitsalltag an der Universität Siegen in Zeiten von Corona aus. Dabei waren sich die Diskutanten einig darüber, dass der gegenwärtige Digitalisierungsschub sowohl Herausforderungen als auch Chancen mit sich bringt. „Bei uns an der Lebenswissenschaftlichen Fakultät ist die Forschung in den letzten Wochen etwas in den Hintergrund geraten, weil viel Lehre geplant werden muss“, erklärte Armin Grünewald. Auch Christine Hrncal muss ihre Lehre der Situation anpassen, was nicht immer einfach ist: „In meinem Seminar mit 50 Leuten muss ich nun einzeln und asynchron Rückmeldung auf Aufgaben geben. In einer Veranstaltung an der Uni könnte ich mich da kurz an die gesamte Runde wenden.“ Gesa Frömming betrachtet die Digitalisierung in den Geisteswissenschaften als zweischneidiges Schwert. Die digitalen Möglichkeiten seien zwar durchaus eine Bereicherung, bedeuteten aber auch einen Mehraufwand, da eine Einarbeitung notwendig sei. „Die Lehrenden kostet das viel Zeit, die im Forschungsbudget nicht vorgesehen ist.“

Daniel Müller wies auf das Thema Datenschutz hin, das für viele Formate der Onlinelehre noch nicht geklärt sei. Er berichtete aber von vielen positiven Effekten, die das digitale Semesterangebot bereits jetzt beobachten lässt: „Wir sind eine Pendleruni, viele Wissenschaftler leben nicht in Siegen. Online-Meetings können hier von Vorteil sein“, erklärte der Leiter des House of Young Talents. Zwar könne das Internet nicht sämtliche Face-to-Face-Situationen ersetzen, allerdings seien virtuelle Angebote oft niedrigschwelliger als Präsenzveranstaltungen und deshalb eine sinnvolle Alternative. „Einige unserer Veranstaltungen sind online sogar besser besucht, als sie das als Präsenzveranstaltung gewesen wären. Bei bestimmten Formaten kann die virtuelle Ausrichtung einen Gewinn darstellen.“

AutorIn: F. Walsdorff
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