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Aufbau einer Datenmedizin zur Entlastung der ländlichen Gesundheitsversorgung

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Bild: Sina Müller

Sektorenübergreifendes Konsortium stellt sich auf für Innovationsfonds-Antrag

Am 30. Januar 2020 fand auf Einladung des Forschungskollegs (FoKoS) der Universität Siegen der erste Austausch von Konsortial- und Kooperationspartnern zum geplanten Förderantrag beim Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses statt. Das Plenum, bestehend aus niedergelassenen Fachärzten, Vertretern von Krankenkassen und Kooperationspartnern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft besprachen, wie digitale Lösungen die Ärzteschaft länderübergreifend entlasten können durch digitale, innovative und intersektorale Versorgungsformen.

Das Konzept des Förderantrags basiert auf den Komponenten ärztliche Delegation, intersektoral initiierte Vitaldatenaufnahme und -transfer durch die Patienten, die Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) für die Auswertung und intersektorale wie interprofessionelle Anwendung von Gesundheitsdaten sowie die gesundheitsökonomische Entwicklung von Evaluationskriterien zur Beurteilung von Entlastungserfolgen. „Unser Ziel ist es, Forschungsergebnisse in die Anwendung und letztendlich in die Regelversorgung zu bringen, indem Zugang zu digitalen Innovationen erleichtert und nötige Infrastrukturen und Anwendungskompetenzen für die Gesundheitsversorgung in ländlichen Räumen entwickelt werden“, erläuterte Dr. Olaf Gaus, Geschäftsführer des FoKoS, die Wertschöpfungsziele einer zukünftigen Datenmedizin, deren Grundlagen er eingangs modellhaft vorgestellt hatte.

„Das Modell lässt sich im Prinzip auf jede Praxis übertragen“, sagt der Haigerer Allgemeinmediziner Dr. Andreas Steiner. Damit sind Praxen auf dem Land wie auch in urbanen Zentren gemeint. Aufgrund des demographischen Wandels und des Phänomens der ärztlichen „Landflucht“ ist die Versorgung aber vor allem in ländlichen Regionen gefährdet. Der hier entstehende Handlungsdruck wirkt sich auf die Innovationsbereitschaft auf dem Land aus. „Die Entwicklungen in der künstlichen Intelligenz, bei Lernalgorithmen oder bei intelligenten Devices können und wollen wir nicht aufhalten. Wir haben jetzt die Chance, exemplarisch zu zeigen, mit welchen Möglichkeiten die Versorgungsprobleme der Zukunft ein Stück weit gelöst werden“, erklärte Prof. Dr. Rainer Brück, Inhaber der Professur für Medizinische Informatik und Mikrosystementwurf an der Lebenswissenschaftlichen Fakultät (LWF) der Universität Siegen, der in weiteren Funktionen als Prodekan und für Studium und Lehre der LWF sowie als stellvertretender Direktor des FoKoS zentral in das Antragsvorhaben eingebunden ist.

Der Entlastungsansatz einer zukünftigen gesundheitlichen Versorgung weist den niedergelassenen Medizinern eine Schlüsselrolle zu. Sie spielen für die Absicherung des intersektoralen Versorgungssystems eine entscheidende Rolle. Darum soll das Mittel der ärztlichen Delegation durch eine erweiterte Einbindung von medizinischem Assistenzpersonal dazu dienen, die Gesprächs- und Behandlungszeit zwischen Arzt und Patient zu erhöhen. Im Rahmen der Vitaldatenaufnahme sollen zudem Patienten selbst mehr Möglichkeiten haben, im Austausch mit dem nicht-ärztlichen medizinischen Personal auch selbst aktiv zum Behandlungsprozess und damit auch zur eigenen Gesundheitsprophylaxe beizutragen. „Nach meiner Erfahrung ist die Landbevölkerung generell bereit, ihre Daten für ihre Gesundheit zu teilen“, sagt Ralph Brodel, Bürgermeister der Stadt Sundern, die dem Thema in Zusammenarbeit mit dem FoKoS bereits vor über einem Jahr mit dem Studienprojekt MeDiKuS (Medizin, Digitalisierung, Kompetenz und Sicherheit in Sundern) proaktiv begegnet ist. „Wir haben jetzt noch eine kleine Chance, die Hoheit über unsere Gesundheitsdaten zu behalten“, so Brodel weiter.

Der Innovationsbereich KI/Data Science, als ein Herzstück der Datenmedizin, wird sich mit der Frage beschäftigen, wie Bereitstellung und Auswertung medizinischer Daten, sofern vom Patienten als Eigentümer der Gesundheitsdaten erlaubt, maschinell gestaltet werden können. „Wenn ein Patient in die Notaufnahme kommt, wäre es sehr sinnvoll, auf die Datensätze niedergelassener Ärzte zugreifen zu können“, schildert Prof. Dr. med. Veit Braun, Prodekan Health Care der LWF der Universität Siegen und Chefarzt der Neurochirurgie des Jung-Stilling-Krankenhauses in Siegen. Der Konzeptbestandteil „TeleDocs“ soll, durch zusätzliche, in der Telemedizin tätige ärztliche Fachkräfte, weitere Entlastungsmöglichkeiten durch Arbeitszeitflexibilisierung und überlokale Beratungsangebote schaffen. PD Dr. Sven Zenker, Leiter des Datenintegrationszentrums am Universitätsklinikum Bonn, stuft die dargestellte datengetriebene Medizin als wichtiges Handlungsfeld ein. Er sieht die Herausforderung des Antrags darin, den bereits jetzt erkennbaren Mehrwert für die Regelversorgung nutzbar zu machen.

Der Förderantrag wird auf den Erkenntnissen der „Digitalen Modellregion Gesundheit Dreiländereck“ aufbauen, in dessen Rahmen bereits Partnerschaften mit verschiedenen Kommunen und dort ansässigen Ärztinnen und Ärzten etabliert wurden. Unter den etwa 100 Praxen gibt es bereits Interessenten für eine Kooperation im angestrebten Innovationsfonds-Projekt. Parallel haben die Allgemeinen Ortskrankenkassen der Länder Rheinland-Pfalz/Saarland, Hessen, NRW Nordwest und die Barmer Ersatzkasse sowie die Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe Interesse an einer Kooperation bekundet. Weitere Konsortialpartner sind unter anderem die vier Siegener Kliniken, das Universitätsklinikum Bonn und die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

AutorIn: Linda Sandhoff
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